"ohne Titel" von
Birgit Schaper
Mein
Blick verweilte lange auf diesem Bild
von Birgit Schaper. Es zog mich magisch an.
Die
dominante rote Farbe, die den gesamten Raum einnimmt. Von rechts oben, wie schwebend eine Kugel, nichtssagend,
rätselhaft. Dazu einen Text schreiben? -
Ich
legte das Bild erst einmal zur Seite. Mitunter kramte ich es hervor,
schaute es
an.
Irgendwann
fragte ich "Wo bist du? - Und meine Gedanken zu dem Bild sprudelten,
überschlugen sich.
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Inspiration
durch das Bild "ohne Titel "
von Birgit Schaper
Wo
bist du?
Warum
kann ich dich kaum erkennen? Dein Kopf. Rund. Nein, eher wie eine
flachgedrückte Melone. Kinnlange braunbläuliche Haare, die
links und rechts
platt und glatt von dem sonst kahlen Schädel herunterhängen.
Dein dralles,
wohlgenährtes Gesicht grenzt sich kaum von dem roten Hintergrund
ab. Dieses
zornesrote Licht, das dich ständig umgibt.
Doch,
deine Augen, wo sind sie?
Wie
oft hast du deinen Kopf schon in den Sand gesteckt?
War es an der Straßenecke, wo sie
den Mann zusammenschlugen?
Ja, diesen
jungen Mann, den in den Jeans, mit dem blaukarierten Hemd. Er wehrte
sich kaum, sah zu
dir
rüber. Sie rissen ihm den Rucksack von der Schulter,
schütteten den Inhalt auf
die Straße. "Bücher, nichts als Bücher",
grölten
sie und lachten. Traten mit ihren
Stiefeln nach dem jungen Mann, weil sie kein Geld in den Jackentaschen
fanden. Er
versuchte aufzustehen, wollte wegrennen, sah wieder zu dir. Da schlug
Einer
noch einmal zu. Der junge Mann stolperte - die Steintreppe, du hast sie
auch gesehen, nicht wahr? Er schlug mit dem Kopf auf.
Plötzlich
war es ruhig. Ganz still. Du hast dich
weggeschlichen.
Deine
Augen? - Sie sind versandet.
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Eine Lesung der Autorengruppe Fachwerk
und Federkiel im
Café Klett in Fredelsloh
am 20. Februar
2004
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Weißt
du, wo deine Nase geblieben ist?
Es
stinkt dir doch alles, schon lange. Deine Kinder, die dich fragend
anschauen, die dir deinen Feierabend stehlen wollen, die dein hart
verdientes Geld für Eis und Cola ausgeben und dann noch die
Frechheit besitzen, dich am Sonntag so früh zu wecken, weil sie
ins Schwimmbad gefahren werden wollen.
Selbst
deine Frau verweigert sich dir neuerdings. Du hast keine Freude mehr an
ihr. Seitdem kannst du sie nicht mehr riechen. Der
Geruch nach blumiger Vanille ist für dich zu schwach geworden. Du
brauchst jetzt deftigere
Gerüche. Seitdem steckst du deine Nase doch in alle feuchtwarmen Nischen.
Deine
Nase? - du hast sie verloren
Was
ist aus deinem Mund geworden? Sag schon, was?
Dieses
Waffenarsenal, gefüllt mit giftigen Pfeilen, ätzenden Spitzen.
Ja, sicher du hast jedes Mal REcht gehabt. Deine
Schwester hast du angeschrien: "Verpiss dich mit
deinem miesen Freund!" Sein Versprechen, dir Geld zu leihen, konnte er
nicht halten.
Und, wie
war das mit deinem Kollegen?
Sein Bericht kam ein
einziges Mal zu spät. Ein einziges Mal.
"Ach, auch schon da? Hat dich deine Schlampe aus dem Bett geworfen? -
Leider zu spät!" Nahmst das umfangreiche, handschriftliche
ausgefüllte Dokument an dich. Seite für Seite wanderte in den
Häcksler.
Deine
Frau und die Kinder ducken sich sobald du in der Nähe bist,
weichen deinen spitzen Buch-Staben aus.
Rechte
Worte haben Seelen verletzt.
Dein
Mund? - Zerstochen, verätzt von deinen eigenen Waffen.
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Wo
bist Du?
Warum
kann ich dich kaum erkennen? Dein Kopf. Rund. Nein, eher wie eine
flachgedrückte Melone. Kinnlange braunbläuliche Haare, die
links und rechts
platt und glatt von dem sonst kahlen Schädel herunterhängen.
Dein dralles,
wohlgenährtes Gesicht grenzt sich kaum von dem roten Hintergrund
ab. Dieses
zornesrote Licht, das dich ständig umgibt.
Dein
Gesicht. - Du hast es verloren.
Vielleicht
sind deine Ohren noch da, hören die Tränen
tropfen, die du ausgelöst
hast.
Pling, pling ...
immerzu, immer lauter.
© Gundula Lendt - Januar 2004
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