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Gästebuch

Weihnachts-Geschichten - mal ganz anders!

Die WeihnachtsTür
Weihnachts-Geschichten - mal ganz anders!


























Die WeihnachtsTür

Waren es 6 oder 7 Löcher? Wie viele Löcher hat eine Flöte, fragte Laura sich und schnitzte schließlich doch ein 7. Loch in die Mohrrübe. Sie schaute die Mohrrübenflöte an, der Luftschlitz im Mundstück musste vergrößert werden. So bohrte sie sehr behutsam mit dem kleinen Küchenmesser nach. - Fertig! Sie schloss die Augen, setzte die Flöte an den Mund und spielte hingebungsvoll "Ihr Kinderlein, kommet..." Es war wichtig, dass die Augen dabei geschlossen blieben. Mit geschlossenen Augen konnte sie die Flötentöne hören. Vorsichtig knabberte Laura schließlich an der Mohrrübe, ohne den inneren Kern zu verletzen, erst die äußere süße Schicht ab - der Kern erinnerte sie an einen Baumstamm mit winzig kleinen Ästen - bevor sie den Rest verzehrte.

"Du bist ja immer noch nicht angezogen! - Beeil dich, sonst kommen wir zu spät!" Mit diesen Worten riss die Mutter sie aus ihren Träumereien.

"Ja, ich komm' schon." - Sie schnappte sich ihre Mütze und zog die neuen schwarzen Halbschuhe an, die sie zu ihrem Geburtstag bekommen hatte. Schließlich war heute Weihnachten, da wollte sie besonders schön aussehen.

"Laura, hast du mein Halstuch gesehen? - Ich weiß genau, dass ich es hier auf den Stuhl gelegt habe. Laura! - ...immer lässt du alles rumliegen, räum' das Küchenmesser fort und wisch' den Tisch noch mal ab! - Ah, da ist ja das Halstuch!"

Im gleichen Augenblick polterte die Schnapsflasche, die Laura unter dem Halstuch versteckt hatte auf den Fußboden. Laura duckte sich instinktiv. Ihre Mutter fluchte: "Das ist mal wieder typisch, du gönnst mir wohl gar nichts? Nicht mal zu Weihnachten! Was hab' ich denn heute schon getrunken?"

"Doch, ich gönn' es dir, wirklich Mutti... aber die Flasche ist schon halb leer..."

"Dein Glück, dass sie heil geblieben ist."

"Mutti, lass uns lieber zuhause bleiben. Wir können das Radio anstellen und Weihnachtslieder hören und du kannst dich ausruhen."

Ihre Mutter band sich das Halstuch um. "Wir müssen uns beeilen, komm... ich will den Pastor noch mal sprechen... der hat mir nicht mal Geld zum Kohlen kaufen gegeben... und das jetzt, wo es keine Lebensmittelkarten mehr gibt."

Eisiger Wind, der die Schneeflocken vor sich hertrieb, erschwerte Laura das Atmen. Sie zog sich den Schal schützend vor das Gesicht, so dass ihre Augen gerade noch den Weg erkennen konnten. Die Beiden gingen schweigend nebeneinander her und erreichten bald die Innenstadt. Der Wind hatte sich gelegt. Die Straßen waren nahezu menschenleer, behaglich stille. Christbaumbeleuchtung hinter den Fenstern strömte Geborgenheit aus.

"Es ist Heiligabend, vielleicht bekomme ich ja eine Trompete", dachte Laura. - Die Kirchenglocken der St. Petri-Kirche läuteten.
Sie liefen etwas schneller. Laura öffnete das Kirchenportal. Weihnachtliche Orgelmusik tönte ihr entgegen. Weiter vorn direkt am Mittelgang, entdeckte sie einen Sitzplatz. Leise ging sie dorthin. Ihre Mutter folgte ihr. Erst jetzt bemerkte Laura, dass ihre Schuhe vom Schneematsch durch und durch nass geworden waren, ihre Füße waren kalt.

Die Orgel stimmte "Oh, du Fröhliche" an; Laura sang mit. Erst ein wenig zurückhaltend. Mit jeder weiteren Strophe fühlte sie sich befreiter, sicherer, ihre kräftige Stimme schaffte sich Raum, verband sich mit den anderen Stimmen.

Während der Predigt schweiften ihre Gedanken ab. Die Mutter war ihr in der letzten Zeit unheimlich geworden. Nicht, weil sie dauernd schimpfte und mitunter um sich schlug, damit kam Laura zurecht; sie konnte sich beinahe unsichtbar machen oder flüchtete zu den Nachbarn. Nein, ihr war aufgefallen, dass die Augen ihrer Mutter sich veränderten, wenn sie wütend wurde. Diese Augen, riesig groß in tiefen Höhlen lagen sie in dem schmalen, bleichen Gesicht; die dunklen Schatten und kräftigen Brauen verstärkten den Eindruck noch. Sie trug eine Brille wegen ihrer Weitsichtigkeit, dadurch sah man die Pupillen wie durch ein Vergrößerungsglas. Graublaue Pupillen, die sich verengten, wenn sie zornig wurde; dann rutschte die linke Pupille zur Seite, so dass sie schielte.

Mitunter, wenn ihre Mutter sie ansah; hatte Laura das Gefühl, als ob diese Augen sie auffressen wollten. Das machte ihr Angst und das war einer der Gründe, warum sie sich innerlich immer mehr von ihrer Mutter entfernte. Das spürte ihre Mutter natürlich, sie machte ihr Vorwürfe: "Früher warst du ganz anders... du hast mich wohl nicht mehr lieb?"

Eine Zeitlang hatte sich Laura gegen diese Vorwürfe gewehrt, oft lag sie weinend im Bett und konnte es nicht verstehen, dass ihre Mutter solche Fragen stellte; warum glaubte sie ihr bloß nicht, natürlich hatte sie ihre Mutter lieb. - Sie hatte nur ihre Mutter, sonst gab es Niemanden.
Sie wünschte sich eine richtige Familie, mit Oma und Opa, Tanten und Onkels, so wie sie es bei Anita, ihrer Schulfreundin kennen gelernt hatte. Mitunter durfte sie nach der Schule mit Anita nach Hause gehen. Das war etwas besonderes. Anitas Mutter verhielt sich anders als ihre Mutter. Hatte schon oft mit ihr gemeinsam den Schulranzen aufgeräumt und gesäubert. Und, auch wenn es nur Pellkartoffeln mit Quark gab - bei ihr schmeckte alles besser. Selbst wenn sie ihr Lügenmärchen erzählte, was Anitas Mutter schnell durchschaute, schimpfte sie nicht, sondern sagte jedes mal: "Du kannst mir vertrauen, Laura. Es ist mir lieber, wenn du mir die Wahrheit sagst."

Von den anderen Klassenkameraden wurde sie nur selten eingeladen. Einige sagten: "Alle Flüchtlinge stinken und haben Läuse".

"...und eure Gebete werden erhört, wenn ihr auf Gott vertraut..." die Stimme des Pastors drang in Lauras Bewusstsein, ja, sie vertraute Gott, sie las viel in dem kleinen Büchlein, das sie im Kindergottesdienst geschenkt bekommen hatte. Diese Geschichten, waren sehr spannend, so wie Jesus einfach, gut und lieb zu allen Menschen, so wollte sie auch sein.

"...so wird euch geholfen werden..."

Ihre Mutter stand plötzlich auf "Mir hat noch keiner geholfen, das ist doch alles nur Gerede! Wo ist er, Ihr Gott?" Das Echo hallte laut von den Kirchenwänden wider: "...wo ist er, Ihr Gott!?!" Sie zerrte Laura aus der Bank "Los komm schon, wir gehen, der redet doch nur und tut nichts!"

Beim Rausgehen schloss Laura ihre Augen, senkte den Kopf, so dass sie niemanden anschauen musste, blinzelte kurz, um festzustellen, ob sie schon an der letzten Bankreihe angekommen waren. Sie zitterte am ganzen Körper.
Über diese Ausbrüche mit der Mutter zu reden, hatte sie aufgegeben. Es machte nur alles noch schlimmer... oft endete es damit, dass ihre Mutter umkippte... nach Luft schnappte...

"Mutti, bitte stirb nicht, bitte... nein... dachte Laura jedes mal und gab ihr schnell die Tropfen gegen diese Anfälle!" Wenn ihre Mutter dann wieder zu sich kam, tat sie so, als ob nie etwas geschehen war. Laura reagierte ebenso. Das war vorbei, erledigt - bis zum nächsten Mal...

Sie atmete tief die kalte Winterluft ein als die Kirchentür sich hinter ihnen schloss.

Es schneite und der Wind blies kräftiger, Lauras Füße schmerzten vor Kälte und der Wind drang erbarmungslos durch ihren Mantel. Sie beeilten sich, um schnell nach Hause zu kommen.



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