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Gästebuch




 

 


Champignons à la greque      - Krimi -

Bevor Markus seine Wohnung verließ, schaute er sich noch einmal um, er sollte den Müll wegbringen. Wenigstens die Yoghurtbecher, die immer noch auf dem Schuhregal standen und deren Verfalldatum längst abgelaufen war. Er legte eine dicke Wolldecke über den Hamsterkäfig, damit dieser penetrante Geruch nach Verwesung erstickt wurde, hatte vergessen den Hamster zu füttern. Gleich Montag früh würde er den Käfig entsorgen. Montag, ja Montag - vielleicht sollte er sich krank melden?

Das Wochenende auf der Hütte würde ihm gut tun... die frische Luft, das Pilze sammeln. Er würde Kraft schöpfen und endlich bei sich aufräumen. Gestern Vormittag am Telefon erzählte ihm Robert, dass er ein neues vielversprechendes Waldstück ausgekundschaftet hatte und das sie an einer fetten Champignon-Wiese vorbeikommen würden.


Markus überlegte, ob er lieber mit der Bahn fahren sollte. Die Bremsen an seinem Cabrio mussten dringend erneuert werden. Dumm, wenn er ausgerechnet heute in eine Verkehrskontrolle geraten würde. Andererseits bestand die Gefahr, dass er im Zug von Bekannten gesehen wurde, das wollte er unbedingt vermeiden. Er fuhr schließlich doch mit seinem Auto zu Robert. Auf der Fahrt spielte er mit seinen Gedanken, entwickelte neue, verwarf sie wieder. Seine Ideen kreisten, brodelten, bis sie sich schließlich bündelten und auf ein Ziel konzentrierten, das sein Leben dramatisch verändern sollte.







Robert schaute auf seine Uhr. Markus müsste jeden Moment ankommen. Es war ihm zur lieben Gewohnheit geworden, dass er Markus in der Pilz-Saison einlud. Er besaß eine kleine Hütte oberhalb von Kirchdorf, die sogar Strom und fließendes Wasser hatte. Sie sammelten gemeinsam Pilze, setzten sich anschließend auf die Terrasse, um sie zu putzen. Er kochte - nein, er kreierte, - aus Pilzen und den übrigen Zutaten Gerichte, die bei seinen Bekannten heiß begehrt waren.

Heute sollte Markus in den Genuss seiner unnachahmlichen Kochkunst kommen. Er hatte schon alles vorbereitet, die Reh-Medaillons morgens in eine Marinade aus Buttermilch und einem Bündel ausgewählter Kräuter gelegt. Bevor Robert den Reißverschluss der Kühltasche zuzog, überprüfte er kurz, den Inhalt. Die Reh-Medaillons, frische Sahne... das Kartoffelpüree für die Kroketten, Preiselbeerschnee. Ja, er hatte an alles gedacht. Jetzt fehlten nur noch die Pilze.


Wie er die Medaillons und die Pilze heute Abend auf dem Teller anrichten würde, wusste er auch schon. Als Dekoration würde er mit der Spritztüte kleine Häubchen Preiselbeer-Schnee - sein geheimes Rezept - auftragen und sie mit einer frischen Preiselbeere verzieren. Oh, er durfte auf keinen Fall vergessen, die Teller vorzuwärmen und er musste dafür sorgen, dass Markus während des Kochens irgendwie beschäftigt wurde. Beim Kochen durfte ihn niemand stören. Er hasste Topfgucker und wies sie unmissverständlich aus seiner Küche.

Er wollte die Gelegenheit nutzen, um sich mit Markus auszusprechen. Am besten, während sie die Pilze putzten. Es war in der letzten Zeit viel passiert. Allein die Sache mit Katharina. Es war erstaunlich, wie gut Markus damit fertig geworden war. Dann die Beförderung... auch das hatte Markus geschluckt, wie so vieles in seinem Leben. In der letzten Zeit bemerkte er jedoch, dass Markus immer verschlossener wurde. Seine sonst schönen, ebenmäßigen Gesichtszüge wirkten wie erstarrt, blutleer. Die verkniffenen Züge um seinen Mund, zwei steile Zornesfalten hatten sich tief zwischen seine Augenbrauen eingegraben,
dann dieses krampfhafte Fäusteballen. Er machte sich ernsthaft Sorgen um ihn.

Nun, er kannte Markus schon seit seiner Kindheit, irgendwie gingen sie ihren Lebensweg gemeinsam. Kindergarten, Schule, die gleiche Ausbildung... beide hatten sich vor 5 Jahren bei der Werbeagentur Connect beworben. Sie konnten die Geschäftsleitung mit ihrer Dynamik überzeugen und wurden im Doppelpack eingestellt. Die Werbespots, die sie entwickelten, kamen gut an. Doch irgendwann konnte Markus nicht mehr mithalten, während er, worauf er sehr stolz war, seit kurzem zur Geschäftsleitungleitung gehörte.







Markus war während der Autofahrt so in seine Gedanken versunken, dass er das Hinweisschild "Kirchdorf 5 km" erstaunt registrierte.

Obwohl es ihm jedes mal mehr Überwindung kostete, den Anblick des tellertragenden Robert auszuhalten, diese Haltung, den Kopf leicht schräg nach links oben gewandt, in den Augen Überheblichkeit mit einer Prise Irresein, ließ er sich doch immer wieder darauf ein. Er war süchtig auf Roberts Pilzgerichte. Er konnte es kaum erwarten, bis Robert ihm endlich vorsichtig den Teller vorsetzte. Eine Weile musste er noch den lauernden Blick von ihm ertragen, der gespannt jede kleinste Regung in seinem Gesicht verfolgte, bis das erlösende "mmh, köstlich - deine Kochkunst - unübertrefflich" kam.


Robert, der alles besser machte als er, der ihn jedoch brauchte, damit er sich brüsten konnte. - Schau nur, was ich alles kann! Im Sandkasten im Kindergarten - Robert buk die besten Sandkuchen und er musste sie essen und er aß alles... Löwenzahnsuppe... ein Gemisch aus nassem Sand mit zerrupften Löwenzahnblättern... schon damals... diese Haltung, schräger Blick von oben. In der Schule, wenn er seine Aufsätze vorlas... es war schon immer so.

Der Parkplatz, auf dem sie ihre Autos stehen lassen wollten, lag am Ortsrand. Es sollte heute sonnig und recht warm werden laut Wetterbericht.

Robert begrüßte ihn. "Na, endlich! Dann kann es ja los gehen. Gute Fahrt gehabt?"

"Bei Detershausen habe ich die Abfahrt verpasst, deswegen ist es ein bisschen später geworden" sagte Markus, während er sich vergewisserte, dass sein Auto abgeschlossen war.

"Schade, dass du heute schon fahren willst, und dann auch noch gleich nach dem Essen," hörte er Robert mit einem leicht beleidigten Ton in der Stimme sagen. "Ich finde das ungemütlich. Wie konnte dir das passieren, zwei Termine auf den gleichen Tag? Hast du ihn wirklich nicht mehr verlegen können?"


"Nein, das hab' ich dir doch erklärt. Ich hatte vergessen, den Termin für die mitternächtliche Lesung in meinen privaten Kalender einzutragen. Mittwoch ist es mir erst aufgefallen und da war es zu spät, um noch irgendwas zu ändern. Aber es passt doch, wenn wir um ca. 19.00 Uhr..."


"Ich hasse Zeitdruck, ich hasse Zeitdruck, verdammt, das weißt du doch," schrie Robert und schlug dabei den Kofferraumdeckel zu.

Sie schulterten die Rucksäcke und nahmen sich jeder einen Korb. Bis zur Hütte waren sie ungefähr eine halbe Stunde unterwegs.

Robert ging rechts am Waldrand den Weg entlang. Es war noch recht kühl, kleine Nebelschwaden lösten sich vom Gras. Die beiden Männer gingen schweigend nebeneinander her. Markus beobachtete Robert von der Seite. Robert schnaufte leicht, da es jetzt langsam bergan ging. Der Korb in seiner Hand schwenkte mit jedem Schritt hektisch hin und her. Er war um einen Kopf kleiner als Markus, pummelig und seine großen Füße zeigten wie bei Charlie Chaplin nach außen. Dennoch hatte Robert eine sympathische Ausstrahlung, besonders wenn er lachte.







Wenn Robert lacht, lacht sein ganzer Körper, seine Mundwinkel verziehen sich fast bis hin zu den Ohren, die wiederum leicht abwärts rutschen. Er kiekst erst ein paar Mal bis sein Lachen aus dem Bauch heraus, welcher fröhlich mithüpft, immer stärker anschwillt. Seine Hände schnellen nach oben und die Füße wippen mit. Man sagt, dass nichts so ansteckend sei, wie das Lachen. Nun, Roberts Lachen war besonders ansteckend. Wenn irgendwo in ihrer Firma eine Gruppe Menschen herzhaft lacht, so kann man davon ausgehen, dass Robert es ausgelöst hat.

So, wie vor zwei Jahren, als sie einen Betriebsausflug nach Prag unternahmen. Eigentlich wollte Markus alleine mitfahren. Doch Katharina bettelte so lange darum mitzukommen, dass er schließlich einwilligte. Warum hatte er sich nur weich klopfen lassen. Es könnte alles noch in Ordnung sein. Sie wäre Robert nie über den Weg gelaufen.


Sie trafen rechtzeitig vor der Abfahrt am Treffpunkt ein. Einige Kollegen waren schon da. Er stellte Katharina vor, die sich bald munter an den Gesprächen beteiligte und beobachtete sie dabei.

Da stand sie in diesem Grüppchen, plauderte, lächelte. "... das liegt daran, dass ich Mathematik-Lehrerin bin", sagte sie. "Ich liebe Pythagoras und seine Sätze. Mathe kann so spannend sein. Wenn meine Schüler mit hochroten Wangen an der Tafel stehen und mit den anderen das Rätsel einer kniffligen Mathe-Aufgabe lösen, fiebere ich genauso mit. Wie ist ihr Verhältnis zur Mathematik?"

Er konnte ihr stundenlang zuhören, selbst trockene auf den ersten Blick langweilige Inhalte, erzählte sie mit viel Witz und Charme. Dabei waren es keine Monologe, die sie führte, nein, sie ließ die anderen auch zu Wort kommen, fragte nach, bestätigte.

Das Sonnenlicht ließ Katharinas blonde Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, golden glänzen. Sie trug ein maigrünes T-Shirt zu ihrer weißen Caprihose. Die Kleidung schmiegte sich an ihre eher zarte Figur an.

Markus genoss es voyeuristisch, dass seine Kollegen Katharina anstarrten, um sie herumwuselten, ihr Gespräch suchten. Er lebte seit sechs Jahren mit ihr zusammen. Sie war ihm treu - sie unterhielt sich eben gern, auch mit Robert. - Pah, Roberts Lachen...


Nun, im Moment gab es nichts zu lachen. Noch immer gingen sie schweigend nebeneinander her. Sie waren an der Bergkuppe der Anhöhe angelangt und vor ihnen öffnete sich nach und nach ein zauberhaftes Tal. Robert blieb stehen, um zu verschnaufen.







An der Hütte angekommen, legten Sie die großen Rucksäcke erst einmal in den kleinen Flur. Robert stellte noch schnell die Lebensmittel in den Kühlschrank. Bevor sie mit den Körben zum Pilze sammeln loszogen, schnappten sie sich 2 Stöcke, mit denen sie Laub und Moos beiseite schieben konnten.

"Hier geht es weiter!" Robert deutete auf das Gebüsch am Waldrand.

"Ich seh' keinen Weg."

"Pilze wachsen im Wald, unter und hinter pieksenden Sträuchern, von Moos und Laub bedeckt. Sie verstecken sich mit Absicht, wollen nicht gefressen werden. Aber ich werde sie finden! Also, Augen zu und durch." Robert schob die Zweige des Holunderbusches zur Seite und zwängte sich durch.


Markus entdeckte eine größere Öffnung zwischen zwei Sträuchern.

"Mist!" Brombeerranken hatten sich in seiner Kleidung festgehakt. Vorsichtig löste er die Dornen aus dem Stoff. Ein paar Schritte von ihm entfernt stand Robert, dessen Mundwinkel sich leicht nach oben schoben. - So geschafft, es konnte weitergehen.

Sie suchten hauptsächlich nach Röhrenpilzen; aber auch Parasole und Perlpilze landeten in ihren Körben.

Markus fiel es heute schwer, sich auf die Pilzsuche zu konzentrieren. Er hörte weder den Gesang der Vögel, noch sah er den frischgrünen Moosboden auf denen die Sonnenstrahlen ihre Muster bildeten.

Er griff in seine linke Westentasche. Der kleine Plastikbehälter war noch dort. Sie waren bereits eine Stunde unterwegs. Abwesend stocherte er mit dem Stock im Moos herum, während er fieberhaft nach Knollenblätterpilzen suchte.


Wüste Gedanken marterten ihn, schoben sich in den Vordergrund. Knollenblätterpilz - tödlich giftig! - So hatte er es im Internet recherchiert - weißer Knollenblätterpilz, Verwechslung möglich mit Champignon... enthält Krampf- und Lebergifte, blutauflösende Gifte... tödliche Dosis 2 - 5 Gramm... Verwechslung möglich mit Champignon? - Nur die weißen Lammellen? - Bei den ganz jungen Pilzen sah man die Lamellen nicht so.







"Markus, wo bist du? - Komm, das musst du dir anschauen!"

"Robert?" -

"Na, hier!" Jetzt sah er Roberts Hände über dem Unterholz herumfuchteln und ging zu ihm hin.

Er sah auf den Waldboden.

"Maronen," fragte er.

"Nein, Makronen," bemerkte Robert und zog seine Augenbrauen hoch."Beste Qualität!" Er hielt Markus einen Pilz direkt vor die Nase. "Samtig brauner Hut, der Schwamm makellos und frisch."

"Ja, tatsächlich," sagte Markus tonlos.

"Was ist mit dir bloß heute los? Hast du Liebeskummer, Geldsorgen; überlegst du, wie du mich umbringen kannst? - Schau dir diese Pilze an!"

Er durfte sich nichts anmerken lassen und riss sich zusammen. Das war bestimmt nur einer dieser üblen Scherze von Robert. - Oder ahnte er tatsächlich was?

"Ja, ja, schön die Pilze und so viele." Unglaublich, das hatte Markus noch nie gesehen. Maronen, große und kleine, in Grüppchenwaren sie aus dem Moos herausgewachsen.

Robert war emsig dabei, die Pilze abzuschneiden.

"Wahnsinn, das reicht für mehrere Mahlzeiten. - Markus, komm schon, helf' mit."

Robert, der auch beim Pilzsuchen immer die schönsten und größten Exemplare entdeckte.


Wieder marterte Markus nur ein Gedanke: Knollenblätterpilze... hoffentlich fand er noch welche.
Knol-len-blät-ter-pil-ze-Knol-len-blät-ter-pil-ze-Knol-len-blät-ter... ratterte es in seinem Gehirn. Nur nichts anmerken lassen.

Da, gleich hinter Robert, leuchtete etwas weiß... nicht umdrehen, bitte, nein... zu spät. Robert drehte sich um und...

"Ah, weiße Knollenblätterpilze..."

So ein Mist, selbst die Giftpilze... Markus holte tief Luft und ging auf Robert zu.

"Ich versteh' nicht, wie man die mit Champignons verwechseln kann. Das würde mir nicht passieren. Guck dir die mal genau an Markus. Schon auf den ersten Blick... Anis- und auch Wald-Champignons sind eher cremigweiß, leicht rosafarben. Und dieser Pilz hier" - er deutete mit dem Stock auf einen der größeren Knollenblätterpilze - "ist grellweiß, sieht phosphoreszierend aus. Die anderen Merkmale kennst du ja."

Markus nickte nur. Warum war er nur so blöd und glaubte, dass er Robert überlisten könnte. Robert würde es merken, spätestens beim putzen und schneiden der Pilze. In seiner sarkastischen Art würde er sagen, "du wolltest mich wohl umbringen Markus!" Seine Mundwinkel würden sich hochschieben, ein Kieksen... ein Prusten!

Das durfte auf keinen Fall passieren. Dieses Mal, dieses einzige Mal würde er gewinnen.


Wie es weitergeht? - Fragen Sie mich...

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