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Koma
-
Kurzgeschichte -
...Sie konnte kaum noch atmen und hörte ihr Blut laut durch die
Adern
rauschen. Je schneller sie lief, desto lauter wurde das Geräusch
hinter ihr. Ein innerer Zwang trieb sie vorwärts ohne sich
umzusehen. Ihre Füße bewegten sich mechanisch auf dem
mittlerweile nassen Sandpfad. Noch dreihundert Meter, zweihundert,
endlich hatte sie die stark befahrende Straße erreicht, nahm
allen Mut zusammen, blieb stehen und blickte sich um. Da war nichts.
Eben, vor dem Bruchteil einer Sekunde hatte sie es noch gehört,
und jetzt war da nichts.
Ihre angstverzerrten Gesichtszüge entspannten sich etwas, und sie
machte ein paar tiefe Atemzüge, bevor sie die belebte Fahrbahn
überquerte. Nun waren es nur noch fünf Minuten an der
Straße entlang bis zu ihrem Haus. In dem Maße wie sich
Eugenias Angst auflöste, entlud sich das Gewitter. Blitze teilten
in rascher Folge die Dunkelheit, und die sofort danach zu hörenden
Donnerschläge übertönten um ein Vielfaches den
Verkehrslärm.
Eugenia hatte Angst vor Gewitter, doch es war eine andere Angst, nicht
zu vergleichen mit der, die sie noch vor ein paar Minuten durch
gestanden hatte, vor allem das Krachen des Donners ließ sie jedes
Mal zusammen zucken. Der Regen, der sich inzwischen zum Wolkenbruch
gesteigert hatte, und die vorbeifahrenden, spritzenden Autos hatten sie
bis auf die Knochen durchweicht. Die Kleider klebten am Körper,
das klatschnasse, lange Haar hin in wirren Strähnen an ihrem Kopf
und das zerlaufene Make-up hatte unschöne Spuren in ihrem Gesicht
hinterlassen, aber all das war ihr gleichgültig. Sie war
erleichtert, als sie den Schlüssel in ihre Wohnungstür
steckte und umdrehte.
In dem Moment erhob sich Justus von seinem Stuhl am Schreibtisch und
ging in die Diele.
Er sah Eugenia kalt an. „Mein Gott, wie siehst du denn aus? Wie ein
Zombie, der gerade einer Geisterbahn entstiegen ist. Was hast du
überhaupt bei dem Wetter draußen zu suchen?“, schimpfte er.
Eugenia stotterte, „ich wollte einen Spaziergang machen, du sagst doch
immer, ich soll mehr an die frische Luft gehen“.
„Jetzt machst du mich auch noch verantwortlich?!“
„Nein.“
„Was ist das denn, was du dir soeben vorgeworfen hast“
„Bitte, Justus, wir wollen doch nicht streiten. Ich bin so froh, dass
ich hier in Sicherheit bin. Ich habe es schon wieder gehört.“
„Lass mich mit dem Quatsch in Ruhe. Sie zu, dass du in die Gänge
kommst. In zwanzig Minuten steht das Essen auf dem Tisch.“ Damit wandte
sich Justus wieder seiner Arbeit zu und ließ Eugenia stehen.
Die junge Frau schlich ins Bad, zog die nassen Kleider aus und rubbelte
sich trocken. Sie schlüpfte in ihren Hausmantel, ging rasch in die
Küche und schob die Kartoffeln und den Braten, was sie am Mittag
schon vorbereitet hatte, in die Mikrowelle. Jetzt musste sie nur noch
schnell den Salat waschen, zubereiten und den Tisch decken. Eugenia
wusste, wie peinlich genau Justus nach der Uhr lebte. Punkt neunzehn
Uhr stand das Essen auf dem Tisch.
Die beiden Eheleute saßen sich einander gegenüber.
Justus sagte: „Lass dir das ja nicht zur Gewohnheit werden, so
schlampig zum Essen zu erscheinen.“
„Verzeih, ich hatte nicht mehr genug Zeit, mich zurecht zu machen.“
Schon gut. Aber eins muss man dir lassen, du bringst es immer wieder
fertig, das Fleisch trocken und zäh werden zu lassen und den Salat
im Wasser zu ertränken.“ Justus schon seien halbvollen Teller zur
Seite, kippte sein Glas Rotwein in einem Zug hinunter und stand auf.
„So einen Fraß muss ich mir nicht antun. Wozu habe ich dich zu
einem Kochkurs geschickt? Du hast nichts gelernt, lass dir die
Kursgebühr zurückgeben.“
„Justus, ich kann doch nichts dafür, wenn du kein Öl am Salat
und kein fettes Fleisch vertragen kannst.“
„Ach, dann ist es also meine Schuld, dass du nicht kochen kannst?“
„Nein, natürlich nicht“, sagte Eugenia resigniert. Sie schwieg, es
hatte keinen Zweck, gegen diesen Mann zu argumentieren, er hatte
sowieso immer Recht.
Justus beherrschte
Eugenias Leben von A bis Z. Er schrieb ihr genau
vor, wann sie etwas wie zu tun hatte, und bei dem Wenigen, das sie
selbst bestimmen konnte, wurde sie von einer Angst beherrscht, die
eigentlich noch viel schlimmer war, weil sie diese nicht zuordnen
konnte.
Eugenia konnte sich
nicht
zur Wehr setzen. Schon dreimal hatte sie
versucht, weg zu kommen. Sie wollte sich von Justus trennen und war zu
ihrer Mutter geflüchtet. Jedes mal hatte er sie nach kurzer Zeit
aufgespürt, unter Drohungen und Versprechungen zurückgeholt,
und danach hatte sich nichts geändert. Es fing alles wieder von
vorne an. Heute konnte sie nicht mehr verstehen, warum sie diesem Mann
einmal ihr Jawort gegeben hatte. Er brauchte sie, weil es
wahrscheinlich niemanden sonst gab, de er so gut herum kommandieren und
kontrollieren konnte.
Sie brauchte ihn in
gewisser Weise auch. Er versorgte sie mit allen
notwendigen materiellen Sachen. Sie hatte schon lange ihre Arbeit auf
seinen Wunsch hin aufgegeben und lebte nur noch für Justus. Der
Haushalt war picco bello, und sie las ihm jeden Wunsch von den Augen
ab. Ganz am Anfang hatte ihr das sogar Spaß gemachte, sie war in
ihn verliebt gewesen. Er hatte sie so hartnäckig umworben, gab nie
auf, war galant und stellte etwas das. Damals hatte er gerade sein
Wirtschaftsstudium abgeschlossen und es nun bis zum Hochschulprofessor
gebracht. Eugenia hatte sich geschmeichelt gefühlt und seinem
Drängen nachgegeben, was sie schon bald nach der Hochzeit bereut
hatte. Damit fing es an, das sie hinter sich Geräusche hörte,
die nur in ihrem Kopf existierten, was ihr aber nicht bewusst war.
Sicher, in diesen fünfzehn Jahren hatte sie auch schöne Tage
erlebt, aber was waren die im Vergleich zu ihrem Alltag, wenn sie diese
unheimlichen Laute hörte und von der Angst fast all ihrer Energie
beraubt wurde. In dieser Nacht beschloss Eugenia, etwas zu ändern.
Sie bekam sehr hohes Fieber und konnte sich nicht mehr bewegen. Sie
vermochte nur noch zu schreien, und kein Wort kam mehr über ihre
Lippen. Zuerst war Justus darüber sehr ärgerlich, dann
brachte er sie besorgt in die Notaufnahme der Universitätsklinik.
Dort wurde eine unbekannte Krankheit diagnostiziert. Sämtliche
Untersuchungen und Therapien, die Eugenia über sich ergehen lassen
musste, brachten nicht den geringsten Erfolg. Sie verharrte in diesem
Zustand. Die Ärzte gaben schließlich auf, und Justus holte
sie wieder nach Hause.
Da lag sie nun seit Jahren, angeschlossen an Schläuche und
Katheter, nur die Atmung funktionierte noch, und die inneren Organe
arbeiteten normal.
Während Justus bei der Arbeit war, kam eine Frau von einem
ambulanten Pflegedienst ins Haus und betreute Eugenia. Eugenia mochte
sie gerne, besonders, wenn sie ihr Geschichten erzählte oder aus
Bücher vorlas. Manchmal hätte sie sich gerne unterhalten,
aber es kam nur ein unartikuliertes Schreien aus ihrem Mund. Wenn sie
lächeln wollte, verzog sich ihr Gesicht zu einer hässlichen
Grimmasse.
Endlich hatte Eugenia ihren Frieden gefunden. Justus glaubte zwar, er
hätte die totale Kontrolle über sie, er ordnete an, wann sie
auf welche Seite gedreht werden sollte, wann sie wie viel Sondennahrung
zu bekommen hatte, jede einzelne Kleinigkeit ihrer Körperpflege
war minutiös fest gelegt, aber er hatte keine Macht mehr über
sie. Ja, Eugenia hatte ihren Frieden gefunden, die unheimlichen
Geräusche hatten aufgehört und die Angst verfolgte sie nicht
mehr. Nur wenn Justus zur Tür herein kam, zuckte sie mit
schreckhaft aufgerissenen Augen zusammen, doch wovor sollte sie sich
noch fürchten? Das Schlimmste, was ihr passieren konnte, war der
Tod, und Eugenia war schon vor Jahren gestorben.
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an
Marga-Fiedler-Scholz 
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