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...und Niemand kann sie zwingen
Leseprobe aus meinem Roman


Die Leseprobe beginnt mit dem Entschluss, dass Sofia (zu dem Zeitpunkt 21 Jahre alt) sich von ihrem Verlobten trennen will...

... Sofia lässt sich von Medi am Nordermarkt absetzen, sucht die nächste Telefonzelle auf und wählt entschlossen Uwes Nummer.
„Uwe Stiller.“
„Hallo Uwe.“
„Sofia?“
„Ja, ich muss dich sehen.“
„Geht jetzt nich. Was gibt’s denn so Wichtiges?“
„Nicht am Telefon… wann kannst du?“
„Sofia, was ist los? Du machst mich neugierig. Erzähl schon.“
„Wir sollten uns lieber treffen.“
„Puh, das ist schwierig, muss übermorgen meine Facharbeit abliefern. Was bedrückt dich? Mir kannst du doch alles erzählen, auch am Telefon. Schieß los!“
„Nee, will es dir lieber persönlich sagen.“
„Du klingst so ernst, das lässt mir jetzt keine Ruhe mehr. Wie soll ich mich da auf meine Arbeit konzentrieren. Sofia!“
Sofia erkennt, dass sie ihn nicht länger hinhalten kann.
„Ich will nicht mehr.“ Sie holt tief Luft, spürt wie ihr Herz pocht, als ob es im Halse sitzt. „Es tut mir leid Uwe, es ist besser, wenn wir uns trennen.“
„Sofia, red' kein’ Blödsinn. Was soll das?“
„Ist kein Blödsinn, ich mein’ es ernst. Frag mich nicht warum. Ich weiß es selber nicht.“
Sofia hört sekundenlang nur ihr eigenes Herz wild klopfen. Schließlich ein Knacken in der Leitung. Uwe hat aufgelegt.

Aus der dunkelgrauen dichten Wolkendecke fallen erste Tropfen. Sofia rennt und kann sich gerade noch rechtzeitig unter das Vordach der Haustür retten. Nun prasselt Regen auf den Sandweg, lässt den Kies hüpfen. Die Dachluke ist offen, schießt es ihr durch den Kopf. Behände steigt sie die vier Treppen des Mehrfamilienhauses hoch, in dem sie ein kleines Zimmer bewohnt, das eigentlich kein Zimmer ist. Herr Ziethen hatte seine Abstellkammer auf dem Boden ehemals für seinen Sohn ausgebaut, sogar mit Toilette. Nachdem sein Sohn ausgezogen war, vermietete er die möblierte Kammer für 35 DM monatlich. Vor einem Jahr hatte sich Sofia die kleine Kammer angesehen, die ihr sofort gefiel, und sie gemietet. Die Bettstelle ist in einer Wandnische eingebaut; wenn sie auf dem Bett liegt, kann sie durch die kleine Dachluke den Himmel sehen, nachts die Sterne; besonders liebt sie es, den Regentropfen zuzuhören, die die unterschiedlichsten Rhythmen auf das Fensterglas trommeln. In einer anderen Nische ist ein niedriger Schrank eingebaut, auf dem eine kleine Kochplatte steht, die sie eigentlich nicht benutzen darf -  wegen der Brandgefahr. Das Geschirr muss sie im Handwaschbecken in der Toilette spülen. Ein kleiner Couchtisch, ein Stuhl, das ist alles.

Als sie ihr Zimmer betritt sieht sie die offene Dachluke, durch die der Regen ungehindert auf Tisch und Bett-Ende niederprasselt. Schnell schließt sie die Luke. Aus den roten Mohnblumen auf dem Aquarell an der Wand bahnen sich kleine rosa Rinnsale ihren Weg über das Papier. Vorsichtig versucht sie mit Toilettenpapier die überschüssige Nässe abzutupfen und legt das Bild zum Trocknen auf den Fußboden. Über das nasse Ende der Bettdecke legt sie ein dickes Handtuch, holt sich die halbe Tafel Schokolade aus dem Küchenschrank, hockt sich im Schneidersitz auf das Bett, langt nach „Siddharta“, das neben ihrem Kopfkissen liegt. Sie hat an der Stelle aufgehört zu lesen, wo Siddharta erkennt, dass auch der Siddharta seine Zweifel und seine innere Unruhe nicht vertreiben kann. Die Gedankengänge von Hermann Hesse entsprechen ihren Vorstellungen, den eigenen Weg zu finden; Traditionen, Regeln und Moral zu hinterfragen; sie erleichtern, beruhigen ihr Gewissen.

Doch muss man wirklich schlechte Erfahrungen sammeln um daraus lernen zu können? Ihr fällt das chinesische Sprichwort ein: „Ein dummes Kind hält die Hand ins Feuer, verbrennt sich und macht es doch immer wieder. Ein kluges Kind hält die Hand nur einmal ins Feuer, lernt daraus. Ein weises Kind sieht, wie ein anderes Kind sich am Feuer verbrennt und meidet das Feuer.“ Und doch, kann man nur die schlechten Erfahrungen meiden, von denen man wenigstens gehört, gelesen oder sie sogar hautnah miterlebt hat. Ihre Mutter, fällt ihr ein, hat sich immer wieder die Finger verbrannt. Deren Selbstmordversuche… Sofia legt das Buch aus der Hand. Die Selbstmordversuche von Mutti haben Sofia gezeigt, dass es sinnlos ist, andere Menschen auf diese Weise unter Druck zu setzen.


Ich war gerade 16 Jahre alt, als Mutti mal wieder einen Selbstmord androhte. Der Grund war ein Lippenstift, den sie in meiner Handtasche fand. Zur Rede gestellt, log ich, dass dieser Lippenstift meiner Freundin gehöre.

Wie sich die Augen von Mutti veränderten, wenn sie wütend wurde. Diese Augen, riesig groß in tiefen Höhlen lagen sie in dem schmalen, bleichen Gesicht; die dunklen Schatten und kräftigen Brauen verstärkten den Eindruck noch. Sie trug eine Brille wegen ihrer Weitsichtigkeit, dadurch sah man die Pupillen wie durch ein Vergrößerungsglas. Die graublaue Iris zog sich zusammen, wenn sie zornig wurde; dann rutschte die linke Pupille zur Seite, sie schielte. Mitunter, wenn Mutti mich ansah; hatte ich das Gefühl, als ob diese Augen mich auffressen wollten. Das machte mir Angst und das war einer der Gründe, warum ich mich innerlich immer mehr von ihr entfernte. Das spürte Mutti natürlich, sie machte mir Vorwürfe: “Früher warst du ganz anders...  du hast mich wohl nicht mehr lieb?“

Meine Mutter kam mehr und mehr in Rage, beschimpfte mich als Hure, ballte ihre Fäuste, wollte auf mich einschlagen.
„Schlag mich doch, schlag mich doch tot, dann hast du deine Ruhe!!!“ Es war das erste Mal, dass ich mich wehrte.
Mutti wankte zurück, sah mich entsetzt an und verlangte, dass ich mich entschuldigte, sonst würde sie sich umbringen. Schließlich konnte ich mich ins Badezimmer verkrümeln, drehte den Wasserhahn auf und ließ kaltes Wasser über die Hände laufen, kühlte damit das Gesicht. Die Hände zitterten. Ich weinte, lautlos wie immer. Ein paar Mal konnte ich Mutti von ihren theatralisch angekündigten Selbstmordversuchen abhalten, indem ich beruhigend auf sie einsprach. Mitunter musste ich den Arzt rufen, der sie in letzter Minute ins Krankenhaus brachte.

Einmal war es besonders schlimm. Es war schon dunkel. Mutti hatte viel Weinbrand getrunken, palaverte wütend vor sich hin. „Ich mach’s wie Tante Silvia und schneid’ mir mit ne’r Rasierklinge die Pulsadern auf. Im Wald, dort mach’ ich’s, da findet mich so schnell keiner. Die können mich alle mal. Ich, natürlich, ich bin wieder an allem Schuld. Ich hab einfach kein Glück…“
Ich wusste wo die Rasierklingen lagen, beobachtete Mutti, schlich langsam - während sie aufgebracht hin und her rannte – in Richtung Regal, nahm die Packung Rasierklingen an mich.
„…und dich nehm’ ich mit.“ Mutti zerrte Hänschen - meinen kleinen Bruder -  aus dem Bett und zog ihn an. Sie fummelte nervös an den Knöpfen des kleinen Mantels.

Da stand er nun, rieb sich die Augen, gähnte. Er war damals gerade 2 Jahre alt.
Ich zitterte am ganzen Körper. „Mutti, leg dich hin und schlaf, morgen ist alles wieder gut, bitte Mutti.“
„Wo habe ich nur die Rasierklingen hingelegt.“ Sie wühlte in Schubladen, suchte im Küchenschrank, schob im Regal die Groschenhefte beiseite. „Wo sind die verdammten Rasierklingen!“ Sie weinte, setzte sich hin.

„Mutti, bitte geh’ schlafen.“ Ich wusste schon, wenn Mutti anfing zu weinen, war das Schlimmste vorüber. Ich ging zu Hänschen und zog ihm den Mantel aus, nahm ihn mit in mein Bett und drückte ihn fest an mich. Irgendwann schliefen wir beide ein.

Über diesen Vorfall hatte ich mit Niemanden gesprochen; schon gar nicht mit meinem Bruder. Mein Bruder liebte seine Mutter, das wollte ich nicht zerstören.

Jetzt stand ich im Badezimmer, war verzweifelt, setzte mich auf das WC, vergrub den Kopf in den Händen, die Schultern hingen kraftlos herunter. Wozu noch leben, fragte ich und malte mir aus, wie Mutti an meinem Grab stand und verzweifelt weinte und schrie: “Was habe ich nur getan! Sofia, das wollte ich nicht! Warum hab’ ich mich nicht besser um dich gekümmert! Du bist doch alles für mich gewesen! Sofia!!!“ Nein, ich würde den Selbstmord nicht ankündigen, keinen Abschiedsbrief hinterlassen, ich würde einfach sterben.

Mein  Blick fiel auf das kleine Badezimmerschränkchen mit dem roten Kreuz. Ich öffnete es und nahm ein Tablettenröhrchen nach dem anderen hervor, las die Beschriftungen und entschied mich für das Röhrchen mit den umfangreichen komplizierten Inhaltsstoffen, leider war kein Beipackzettel dabei. Die 20 Tabletten schluckte ich mit etwas Wasser hinunter, schlich mich leise in die Abstellkammer. Vor ein paar Wochen hatte ich mir dort einen Schlafplatz eingerichtet, um ungestört zu sein, wollte nicht mehr auf dem Sofa in der Küche schlafen. Die Gartenliege passte nur hinein, wenn das Kopfteil etwas höhergestellt wurde. Wenn ich mich hinlegte musste ich die Beine etwas anziehen. Doch ich hatte wenigstens eine Tür, die ich schließen konnte. An der Wand klebten ein paar Bilder von den Beatles.  Ich wunderte mich darüber, wie ruhig und gelassen ich war. Morgen würde ihre Mutter sie tot im Bett finden, dachte ich noch, dann schlief ich ein.

Am nächsten Morgen wachte ich überraschenderweise auf. Die Sonne schien, in der Schule erhielt ich den Aufsatz mit der Note 1 zurück und am späten Nachmittag lernte ich Uwe kennen. Ich war glücklich darüber am Leben zu sein. Das Blau des Himmels war blauer als sonst, begierig sog ich den blütenschweren Duft des Sommers durch die Nase.
Mir wurde bewusst, dass ich mich nur wegen Mutti fast umgebracht hätte. Doch das Leben hatte auch schöne Seiten, sobald wie möglich wollte ich mich aus dem Bannkreis des negativen Einflusses meiner Mutter lösen. Nie wieder würde ich mein Leben wegwerfen.


Sofia bricht einen Riegel Schokolade ab und liest, sie hört erst auf, als es dämmert. In ihrem Magen rumort es, ihr wird bewusst, dass sie außer dem Frühstück und dem Riegel Schokolade, nichts gegessen hat. Sie schaut in ihren Küchenschrank, Pfanni-Püree und eine Dose Tomatenfisch sind noch da. Das Püree muss sie ohne Milch zubereiten, sie rührt daher ein wenig Remoulade und Butter darunter, und füllt es auf einen Teller, obendrauf kommt der kalte Tomatenfisch.

Während sie isst, denkt sie an Uwe. Sie fühlt sich einsam, keine Zärtlichkeiten mehr, niemand an den sie liebevoll denken kann. Sie muss ihm noch den Ring zurückgeben. Morgen ist Montag, die Arbeit wird sie sicher etwas ablenken. Irgendwie kommt ihr der Job als Schalter-Sachbearbeiterin bei der Barmer wie eine Sackgasse vor, ist ihr inzwischen zur lästigen Routine geworden. Vielleicht sollte sie ihr Abitur nachholen, bis zur Obersekunda kam sie damals einigermaßen zurecht, brach die Schule ab, um endlich selber Geld zu verdienen, wollte nicht mehr von der Mutter abhängig sein. Von Medi weiß sie, dass es in Hamburg ein Kolleg gibt, sie müsste nur die Aufnahmeprüfung bestehen. Jetzt fällt ihr der Name wieder ein Hansa-Kolleg, heißt es. Was hielt sie noch in Flensburg. In Hamburg, da ist wenigstens was los. Sie könnte sich einer der Friedensbewegungen anschließen, sich endlich aktiv für eine gewaltfreie Welt einsetzen. Sofia atmet tief durch, fühlt sich vogelfrei, blickt erwartungsfroh in die Zukunft.

Das Klopfen an der Tür reißt sie aus ihrer Träumerei. Sie überlegt, ob sie reagieren soll. Es klopft wieder.
„Sofia! Mach auf!“
Es ist Uwe. Einfach nur still da sitzen, sich nicht rühren. Er geht wieder weg. Doch er wird wiederkommen. Besser jetzt, dann hat sie es hinter sich. Sofia steht auf, strafft ihre Schultern und öffnet die Tür. Sie bleibt im Türrahmen stehen.
Bevor sie etwas sagen kann, landet Uwes Hand auf ihrem Po.
„Das musste sein!“
Es schmerzt ein wenig. Uwe dreht sich um, will gehen.
Die Schrecksekunde ist vorbei. „Warte, es tut mir leid.“
„Sofia, lass uns irgendwo ein Bier trinken und über alles reden.“
Sofia überlegt. Gemeinsam ein Bier trinken, warum nicht. Doch warum noch reden. Ihr Entschluss steht fest. Sie kennt Uwe gut genug, um zu wissen, dass er sie mit seinen Argumenten weich kochen könnte. Sie will nicht mehr.
Sie streift den Ring vom Finger.
„Bitte, Uwe, dein Ring, ich will nicht reden, es hat keinen Sinn. Mach’s gut.“
Uwe starrt sie an, schüttelt den Kopf und geht.

Er geht tatsächlich, nicht der kleinste Versuch, sie zurück zu erobern. Wenn er sich wenigstens irgend etwas Romantisches hätte einfallen lassen. Blumen, ein Liebesbrief, mit Kreide auf dem Weg vor ihrem Haus ein „Ich liebe Dich, Sofia“ gemalt hätte. Sie wäre schwach geworden, sie hätten noch eine Chance gehabt.

Ihre Knie zittern, sie vermisst Uwe jetzt schon. Etwas in ihrem Inneren begehrt auf, will Zärtlichkeit, will Geborgenheit. – Der Verstand sagt nein. Die Entscheidung war richtig, davon ist sie jetzt überzeugt. Irgendwo auf dieser Welt gibt es einen Mann, mit dem sie glücklicher sein wird. Sie muss ihn nur finden.