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Gästebuch






Das Versteck
- Kurzprosa -

Das Versteck Eine Gänsehaut-Geschichte für Erwachsene, "Das Versteck", spielt in Flensburg.

Bei einem Besuch in der "Schatztruhe", einem Antiquitätengeschäft, blättert der kleine Jonas, während sich seine Mutter und seine Tante beraten lassen, in einem Märchenbuch.

Die Geschichte der sieben Geißlein bringt ihn darauf, sich im Uhrenkasten der Standuhr zu verstecken. Er taucht in die Geschichte ein.

Ein Hund knurrt, bellt. "Könnte das der Wolf sein" denkt Jonas?

Ein folgenschwerer Irrtum, wie sich bald herausstellen wird, er löst eine dramatische Wendung aus. - "Jonas, hörst du mich?"


Nordermarkt sah noch genau so aus, wie vor 20 Jahren, stellte Sybille angenehm überrascht fest. Die Fassaden waren inzwischen liebevoll restauriert worden, das Kopfsteinpflaster verbreitete mittelalterliche Atmosphäre. Sie steuerte auf "Charlott-Eis" zu, dort gab es damals das beste Speiseeis. Schade, das Cafe, äußerlich kaum verändert, trug ein neues Logo, der Besitzer hatte wohl gewechselt. Sie kaufte sich trotzdem eine Waffel mit drei Kugeln: Stracciatella, Nuss, Zitrone und obendrauf eine Portion Schlagsahne, genau wie an jenem verhängnisvollen Sommertag, dem 5. Juni, an dem sie mit ihrer Schwester Hilde und ihrem kleinen Neffen, Jonas zur "Schatztruhe", einem Antiquitätengeschäft in der Rathausstraße gegangen war.

Hilde suchte nach einem besonderen Geschenk zum 10. Hochzeitstag. Vor dem Schaufenster der "Schatztruhe" blieben Sie stehen, um ihr Eis zu lutschen. Es war heiß und das Eis in Jonas Hand taute schneller, als er schlecken konnte, lief zwischen seinen Fingern hindurch und rann den nackten Unterarm hinunter.

Hilde nahm ihm schließlich die Eistüte aus der Hand, kramte ein Papiertaschentuch aus ihrer Handtasche und putzte ausgiebig an Jonas herum, bis er einigermaßen sauber aussah. Als sie die Tür zur "Schatztruhe" öffneten, erklangen zarte melodische Töne eines Windspieles. Das gefiel Jonas natürlich und er öffnete und schloss ein paar Mal hintereinander die Eingangstür, bis der Besitzer des Ladens erschien, ein älterer etwas rundlicher Herr.

"Schönen guten Tag, meine Damen! Lassen Sie die Tür bitte offen, es ist heute sehr warm", sagte er und fächelte mit einem großen Palmblatt, sodass die schwül warme Luft, die fiebrig im Raume hing, in Bewegung geriet.

Jonas zerrte an der Hand seiner Mutter und flüsterte: " Ich will in den Spielzeugladen, du hast es mir versprochen."

"Bitte, Jonas, ich möchte hier ein Geschenk für Papa aussuchen." Hilde löste sich energisch von der Hand des Jungen.

"Hallo, kleiner Mann", sagte der Besitzer und bückte sich zu dem Jungen hinunter.

"Wie heißt du?"

Jonas blickte hilfesuchend zur Mama.

"Sag's ihm", forderte sie ihn lächelnd auf.

"Jonas, und ich bin vier." Stolz zeigte er seine Hand, wobei er versuchte, den Daumen in der Hand zu verstecken, was ihm nicht so ganz gelang.

"Ich heiße Herr Petersen. Magst du Märchen?
Hier habe ich ein schönes altes Märchenbuch. Wenn du mir versprichst, die Seiten ganz langsam und vorsichtig zu blättern, darfst du es dir angucken." Er nahm aus einem reich geschnitzten Mahagoni-Regal ein Buch, legte es auf den ovalen Holztisch und angelte mit dem Fuß nach dem kleinen Hocker, der daneben stand.

"Hier kannst du das Buch ungestört anschauen," sagte er zu Jonas.






"Und Sie verehrte Damen?"

Der Laden hieß nicht nur "Schatztruhe", er war auch eine. Alte Möbel und Kisten, Regale voller Kuriositäten, eine chinesische Kachel, eine kleine Kutschen-Uhr, diverse Skulpturen und Gemälde. Es schien kein System zu geben, Uhren lagen neben Kristallvasen und Blechspielzeug. Es herrschte eine, wie Hilde mitunter zu Hause sagte, "geniale Unordnung". So gab es viel zu entdecken. Herr Petersen kümmerte sich höflich und zuvorkommend um sie, öffnete geduldig Schränke und Schubladen, erklärte, erzählte.

Hilde schaute sich nach Jonas um, da saß er an dem Tischchen und blätterte in dem Märchenbuch. Sie schmunzelte in sich hinein, seit einigen Tagen liebte er es, wenn die Omi ihm Märchen vorlas.

"...und dies ist eine deutsche Standuhr von 1740, schauen Sie sich die wundervollen umlaufenden Holzintarsien an," sagte Herr Petersen, ohne den Blick von der Uhr abzuwenden. " Sie ist sehr wertvoll."

Sybille sah die Standuhr bewundernd an, strich mit den Händen über die aufwendig verarbeiteten Holzeinlagen. "Was kostet die Uhr", fragte sie.

"26.000 DM", sagte Herr Petersen, der auf weitere Details aufmerksam machte, die Arbeitweise der Holzschnitzer erklärte.

Sybille und Hilde tauchten in die vergangenen Jahrhunderte ein und vergaßen darüber, dass es auch noch Jonas gab.

Jonas hatte sich inzwischen mit dem Buch auf die Treppe draußen vor der Ladentür gehockt. Da es sehr warm war, zog er sich die Schuhe und Strümpfe aus. Er blätterte in dem Buch und schaute sich die sehr liebevoll und detailliert gezeichneten Bilder an. Er erkannte sofort das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein anhand der Zeichnungen. Die Standuhr, in die gerade das siebente Geißlein hineinsprang, sah der Uhr im Laden sehr ähnlich. Ob hinter der Tür tatsächlich genug Platz zum Verstecken ist, überlegte er und ging in den Laden zurück.

Er sah den goldenen Schlüssel und wollte den Uhrenkasten aufschließen, doch so sehr der Junge sich auch reckte, er kam nicht an den Schlüssel ran. Schließlich stellte er sich auf den kleinen Hocker, jetzt konnte er den Schlüssel umdrehen. Die Tür öffnete sich. Das große messingfarbene Pendel hing ruhig und eindrucksvoll in dem Kasten.

Jonas kletterte hinein. Tatsächlich, er hatte genug Platz. Er versuchte, die Tür zu zuziehen. Durch den schmalen Schlitz konnte er gerade noch das Tageslicht sehen. Er rutschte ein wenig hin und her, bis er sich mit angezogenen Knien hinsetzen konnte. Hier fand ihn der Wolf bestimmt nicht. Er musste nur ganz, ganz still sein, so wie das Geißlein.

Die Gespräche zwischen seiner Mutter, der Tante und Herrn Petersen nahmen seine Ohren kaum wahr und er schlief ein...

Hör-CD "Das sinnliche Meer"
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