"ohne Titel"
von Markus Schütte
Das Bild von Markus Schütte regte meine
Phantasie gleich an. Die Auswahl der Farben, die unterschiedlichen
Grüntöne, die
wie Pflanzen aussehen; Blautöne, die nach Seeluft riechen; der
lehmfarbige Untergrund, der an Ton erinnert. Rechts in der unteren
Hälfte erkennt man diffus eine zweite Hand, die wieder
übermalt worden ist.
Dies Alles bildet den Hintergrund für das wichtigste Element im
Bild die Hand - eine rechte
Hand. Sie wirkt auf mich abweisend, da die Innenfläche mir
zugewandt
ist. Als wollte sie signalisieren
Stop - bitte nicht
weiter!
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Inspiration
durch das Bild "ohne Titel "
von Markus Schütte
Abgebremst
Meine
rechte Hand holt weit aus. Den Grund? - Ich weiß ihn nicht mehr.
Er ist nicht relevant - jedenfalls für mich. Für mich
zählt nur, dass ich gerade dabei bin, ein Tabu zu brechen. Ein
Tabu, dass ich mir vor vielen Jahren auferlegt hatte. Damals, an dem
Tag, als meine Mutter mich, wie so oft, mal wieder verdrosch:
"Du lügst!"
Kreischt sie, während sie mich verzweifelt mit einer Hand
festhält und mit der anderen auf meinen Po haut. Ich konzentriere
mich, bloß jetzt nicht heulen, bloß nicht eingestehen, dass
es mir weh tut. Den Gefallen will ich ihr nicht tun. Ein Indianer kennt
keinen Schmerz. "Gib endlich zu, dass du die Mohrrübe gestohlen
hast." - Weitere Schläge treffen mich am Po und auch am
Rücken, da ich versuche, mich zu entwinden. Ja, ich habe sie
geklaut, aber das werde ich nie zugeben, schon deshalb nicht, weil ich
es nicht verstehen kann, dass sie mich wegen einer einzigen Möhre
verprügelt. Zusammen mit einer Freundin war ich an dem
Gärtchen vorbeigegangen, kein Zaun, die Versuchung war groß,
diese frühen zarten Möhren lockten uns, schnell zog ich eine
aus der schwarzen Erde, wischte sie mit dem Jackenärmel sauber und
aß sie sofort auf. Irgendjemand musste uns dabei beobachtet
haben. "Das eine kann ich dir sagen" - Klaps auf den Po - "du -
lügst mich" - jetzt erwischt sie mich am rechten Ohr - "nicht -
wieder - an!"
Ich kann mich losreißen, krabbele unter das Bett. Meine Mutter
greift sich den Kleiderbügel, der am Schrank hängt. "Komm
sofort raus", keift sie, bückt sich, schaut unters Bett, versucht
mich mit dem Bügel zu treffen. Mit dem Ende erwischt sie mich. Ich
beiße in meine Hand, um nicht aufzuheulen, quetsche mich in die
äußerste Ecke. Irgendwann beruhigt sie sich. Zitternd
verschwinde ich unter meiner Bettdecke, kuschele mich ein und weine
endlich lautlos in mein Kissen.
Nie, das schwöre ich, nie werde ich meine Kinder schlagen. Nie
werde ich sagen: "Du lügst!" - großes Indianer-Ehrenwort!
Dieses Tabu habe
ich bis heute
nicht gebrochen. Jetzt steh ich in der Küche mit erhobener Hand,
die
auf meine jüngste Tochter hinuntersausen will. Meine Wahrnehmung
hat
sich verändert. Ich sehe die Hand, wie sie im Zeitlupentempo ihrem
Ziel
immer näher kommt. In mir tobt ein Kampf zwischen dem Reflex
zuzuschlagen und dem Tabu, das ich mir gesetzt habe...

Neugierig
geworden?
Die Geschichte befindet sich auf meiner Hör-CD!
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