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Abgebremst
- Kurzprosa - Gundula Lendt - Januar 2004









"ohne Titel"
von Markus Schütte



Das Bild von Markus Schütte regte meine Phantasie gleich an. Die Auswahl der Farben, die unterschiedlichen Grüntöne, die wie Pflanzen aussehen; Blautöne, die nach Seeluft riechen; der lehmfarbige Untergrund, der an Ton erinnert. Rechts in der unteren Hälfte erkennt man diffus eine zweite Hand, die wieder übermalt  worden ist.

Dies Alles bildet den Hintergrund für das wichtigste Element im Bild die Hand - eine rechte Hand. Sie wirkt auf mich abweisend, da die Innenfläche mir zugewandt ist. Als wollte sie signalisieren

Stop - bitte nicht weiter!




Inspiration durch das Bild "ohne Titel " von Markus Schütte

Abgebremst Meine rechte Hand holt weit aus. Den Grund? - Ich weiß ihn nicht mehr. Er ist nicht relevant - jedenfalls für mich. Für mich zählt nur, dass ich gerade dabei bin, ein Tabu zu brechen. Ein Tabu, dass ich mir vor vielen Jahren auferlegt hatte. Damals, an dem Tag, als meine Mutter mich, wie so oft, mal wieder verdrosch:

"Du lügst!" Kreischt sie, während sie mich verzweifelt mit einer Hand festhält und mit der anderen auf meinen Po haut. Ich konzentriere mich, bloß jetzt nicht heulen, bloß nicht eingestehen, dass es mir weh tut. Den Gefallen will ich ihr nicht tun. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. "Gib endlich zu, dass du die Mohrrübe gestohlen hast." - Weitere Schläge treffen mich am Po und auch am Rücken, da ich versuche, mich zu entwinden. Ja, ich habe sie geklaut, aber das werde ich nie zugeben, schon deshalb nicht, weil ich es nicht verstehen kann, dass sie mich wegen einer einzigen Möhre verprügelt. Zusammen mit einer Freundin war ich an dem Gärtchen vorbeigegangen, kein Zaun, die Versuchung war groß, diese frühen zarten Möhren lockten uns, schnell zog ich eine aus der schwarzen Erde, wischte sie mit dem Jackenärmel sauber und aß sie sofort auf. Irgendjemand musste uns dabei beobachtet haben. "Das eine kann ich dir sagen" - Klaps auf den Po - "du - lügst mich" - jetzt erwischt sie mich am rechten Ohr - "nicht - wieder - an!"

Ich kann mich losreißen, krabbele unter das Bett. Meine Mutter greift sich den Kleiderbügel, der am Schrank hängt. "Komm sofort raus", keift sie, bückt sich, schaut unters Bett, versucht mich mit dem Bügel zu treffen. Mit dem Ende erwischt sie mich. Ich beiße in meine Hand, um nicht aufzuheulen, quetsche mich in die äußerste Ecke. Irgendwann beruhigt sie sich. Zitternd verschwinde ich unter meiner Bettdecke, kuschele mich ein und weine endlich lautlos in mein Kissen.

Nie, das schwöre ich, nie werde ich meine Kinder schlagen. Nie werde ich sagen: "Du lügst!" - großes Indianer-Ehrenwort!

Dieses Tabu habe ich bis heute nicht gebrochen. Jetzt steh ich in der Küche mit erhobener Hand, die auf meine jüngste Tochter hinuntersausen will. Meine Wahrnehmung hat sich verändert. Ich sehe die Hand, wie sie im Zeitlupentempo ihrem Ziel immer näher kommt. In mir tobt ein Kampf zwischen dem Reflex zuzuschlagen und dem Tabu, das ich mir gesetzt habe...



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